Über den frühen Tod
Fräuleins Anna Augusta Marggräfin zu Baden
Dein Leben, dessen End uns plaget,
War wie ein Tag schön und nit lang,
Ein Stern vor des Morgens Aufgang,
Die Rötin während weil es taget,
Ein Seufz aus einer edlen Brust,
Ein Klag aus Lieb nicht aus Unlust,
Ein Nebel, den die Sonn verjaget.
Ein Staub, der mit dem Wind entstehet,
Ein Tau in des Sommers Anbruch,
Ein Luft mit lieblichem Geruch,
Ein Schnee, der frühlingszeit abgehet,
Ein Blum, die frisch und welk zugleich,
Ein Regenbog von Farben reich,
Ein Zweig, welchen der Wind umwehet.
Ein Schaur in Sommerszeit vergossen,
Ein Eis an heißem Sonnenschein,
Ein Glas also brüchig als rein,
Ein Wasser über Nacht verflossen,
Ein Blitz zumal geschwind und hell,
Ein Strahl schießend herab gar schnell,
Ein Gelächter mit Leid beschlossen.
Ein Stimm, die lieblich dahin fähret,
Ein Widerhall der Stimm in Eil,
Ein Zeit vertrieben mit Kurzweil,
Ein Traum, der mit dem Schlaf aufhöret,
Ein Flug des Vogels mit Begier,
Ein Schatt wann die Sonn sticht herfür,
Ein Rauch, welchen der Wind zerstöret.
Also dein Leben, schnell verflogen,
Hat sich nicht anderst dann ein Tag,
Stern, Morgenröt, Seufz, Nebel, Klag,
Staub, Tau, Luft, Schnee, Blum, Regenbogen,
Zweig, Schaur, Eis, Glas, Blitz, Wasserfall,
Strahl, Gelächter, Stimm, Widerhall,
Zeit, Traum, Flug, Schatt und Rauch verzogen.
—
Georg Rudolf Weckherlin (1584-1653)
