Unglückstrift
Wolken durch den Wind getrieben
Hinvergehen, hinverstieben:
Durch den Wind erregte Wellen
Sich darauf zur Ruhe stellen.
Nur der Mensch bei Leibes Leben
Muß in steter Unruh schweben:
Ist ein Unglück abgewichen
Stets ein anders kommt geschlichen.
Sonne gehet auf und nieder,
Frost auf Hitze findt sich wieder;
Stets die Nacht der Tag erreichet,
Dürres Land ein Regen weichet.
Unser Unglück kommt stets wieder,
Größers treibt das große nieder,
Ist ein arges abgewichen,
Ärgers kommt herangestrichen.
Stetes Plagen, stetes Denken,
Stetes Trauren, stetes Kränken,
Stetes Wollen, nimmer Haben
Triftweis kommet angetraben.
Unser Streben, unser Mühen,
Unser Hin- und Widerziehen,
Unser Wünschen, unser Wagen,
Muß, wie oft, den Bloßen schlagen.
Unser Leben muß sich walzen,
Alle Lust wird uns versalzen,
Eine Stunde haben Freude
Wuchert ganze Jahr voll Leide.
—
Justus Georg Schottel (1612-1676)
