Einsames Trinkgelage unter dem Mond
Unter Blüten steht mein Krug voll Wein.
Alleine trink ich, niemand sitzt bei mir.
Den Becher hebend, grüße ich den Mond:
Mit meinem Schatten sind wir schon zu dritt.
Der Mond versteht sich nicht aufs Trinken.
Und auch mein Schatten folgt vergeblich mir.
Ach, sei’s drum, lasst uns Mond und Schatten ehren:
Die wahre Freude währt nur einen Frühling lang!
Ich singe, und der Mond schwankt hin und her,
Ich tanze, und mein Schatten dreht sich wild.
Solang wir nüchtern sind, freut einer sich am andern;
im Rausche dann geht jeder seinen Weg …
Auf der Galaxis sehen wir uns wieder:
Auf ewig ungebunden wandern wir!
—
Renate Stolze, in: François Cheng: Chinesische Poesie, Bern/München/Wien, 2002
