Gelage im Mondschein
Mit einem Krug voll Wein saß ich inmitten
duftender Blumen ganz allein.
Ich hob den Becher, um den Mond zu bitten,
für diese Nacht mein hoher Gast zu sein.
Da sah ich meinen Schatten, und als Dritten
lud ich auch ihn, den Ewigtreuen ein.
Der Mond weiß nichts vom Wein und seinen Freuden;
blind folgt der Schatten mir in Freud und Leid.
Und doch – ich trinke gerne mit den beiden.
Denn keinen Frühlingstag soll man vergeuden –
Der Frühling ist der Freuden Jahreszeit!
Und als ich singend meine Stimme hebe,
schwankt hoch der Mond ins weite Sternenenmeer,
und da ich wie im Traume tanzend schwebe,
schwebt tänzelnd auch mein Schatten um mich her.
Bei klaren Sinnen wußten wir zu scherzen,
und erst die Trunkenheit hat uns getrennt.
Ich liebe euch, ihr Freunde ohne Herzen.
So lebt denn wohl! Bald treffen wir uns wieder
auf irgendeinem Stern am Firmament.
—
Ernst Schwarz, in: Ernst Schwarz, Chrysanthemen im Spiegel, Berlin und Weimar, 1976; p. 93
