Allein beim Trinken im Mondschein
Bei den blühenden Bäumen
sitz ich mit einem Krug voll Wein
und trinke in Einsamkeit.
Meine Freunde, wo sind sie geblieben?
Ach ja, der Mond blickt auf mich herunter. –
Ich grüße ihn
und heb den Becher seinem Glanz entgegen.
Und da! Da geht mein Schatten vor mir.
Hoho! Wir sind zu dritt, sag ich.
Obgleich, der arme Mond, der kann nicht trinken,
und mein Schatten tänzelt um mich her –
doch, wir sind Freunde heute nacht,
der Säufer, der Mond und der Schatten.
Laßt uns diese Frühlingsorgie feiern!
Ich singe,
und der wüste Mond durchfurcht den Himmel,
ich tanze,
und mein Schatten wälzt sich hin und her.
Solang wir wach sind, laßt uns zechen;
nur der Schlummer süßer Trunkenheit
soll uns jemals trennen.
Laßt uns eine Freundschaft schwören,
die der Sterbliche nicht kennt,
und des Abends über große Weiten
einander preisen!
—
Jochen Kandel, in: Jochen Kandel, Das chinesische Brevier vom weinseligen Leben, Bern/München/Wien, 1985; p. 75
