Trinklied
Unter Blumen und Blüten ein Krug mit Wein!
Kein Freund will heut’ mit mir trinken.
Doch der Mond ist da, ich bin nicht allein;
Er grüßt mich mit freundlichem Blinken.
Ich muß mit dem Becher ihm winken.
Der Mond und mein Schatten und ich, wir sind drei,
Das sei eine lustige Runde!
Ach, der Mond ist als schlechter Trinker dabei,
Er lächelt mit trockenem Munde,
Und mein Schatten kriecht träge am Grunde.
Doch sei’s, wie es sei! Der Mond ist mein Freund,
Und mein Schatten ist an mich gebunden
Als treuster Sklave, wir müssen vereint
Des Frühlings blühende Stunden
Genießen, bevor sie entschwunden.
Ich singe ein Lied, und der bleiche Gesell
Spannt die silbernen Saiten zur Weise.
Ich tanze. Mein Schatten versteht mich, und schnell
Wie ich selbst, springt er mit mir im Kreise
Und hüpft in vertracktem Geleise.
So scherzen wir wachend, wir drei im Verein,
Bis mein Rausch mir fesselt die Glieder.
Da verlassen sie mich, und ich bleibe allein,
Doch ich finde die trefflichen Brüder
Im Traum auf der Milchstraße wieder.
—
Vincenz Hundhausen, in: Vincenz Hundhausen: Chinesische Dichter des dritten bis elften Jahrhunderts, Eisenach, 1926; p. 41
