Holz und Späne
Von den Hornissen will ich schweigen,
denn sie sind leicht zu erkennen.
Auch die laufenden Revolutionen
sind nicht gefährlich.
Der Tod im Gefolge des Lärms
ist beschlossen von jeher.
Doch vor den Eintagsfliegen und den Frauen
nimm dich in acht, vor den Sonntagsjägern,
den Kosmetikern, den Unentschiedenen, Wohlmeinenden,
von keiner Verachtung getroffnen.
Aus den Wäldern trugen wir Reisig und Stämme,
und die Sonne ging uns lange nicht auf.
Berauscht vom Papier am Fließband,
erkenn ich die Zweige nicht wieder,
noch das Moos, in dunkleren Tinten gegoren,
noch das Wort, in die Rinden geschnitten,
wahr und vermessen.
Blätterverschleiß, Spruchbänder,
schwarze Plakate . . . Bei Tag und bei Nacht
bebt, unter diesen und jenen Sternen,
die Maschine des Glaubens. Aber ins Holz,
solang es noch grün ist, und mit der Galle,
solang sie noch bitter ist, bin ich
zu schreiben gewillt, was im Anfang war!
Seht zu, daß ihr wachbleibt!
Der Spur der Späne, die flogen, folgt
der Hornisschwarm, und am Brunnen
sträubt sich der Lockung,
die uns einst schwächte,
das Haar.
—
Ingeborg Bachmann (1926-1973)
Ingeborg Bachmann, Sämtliche Gedichte; Piper, München; ISBN 349204400X
Ingeborg Bachmann, Sämtliche Erzählungen; Piper, München; ISBN 3492222188
